Davids Mutter möchte nicht, daß ihre Familie von ihrem ersten Sohn erfährt. Sie hat es zu einer gesellschaftlichen Position gebracht, hat einen neuen Mann und zwei Söhne und niemals die Adoption erwähnt. David ist nicht erwünscht. Er ist ein Schandfleck in ihrer Biographie, den sich gerne ausmerzen möchte.

So erleben Nathalie und David aufs neue die Ablehnung.

Das Familiengefüge brökelt, als die Adoptiveltern verunsichert werden

Die Suche nach den Wurzeln verunsichert nicht nur David und Nathalie, sondern auch ihre Umwelt. Joanna Trollope erzählt in Rückblenden aus dem Leben der Familien – der Adoptivkinder und ihrer Mütter. Denn nicht nur das Leben Davids und Nathalies wurde durch die Adoption beeinflußt, auch das Leben der leiblichen Mütter. Sie alle haben gewonnen und verloren.

Starke Charaktere

Joanna Trollope gestaltet die vielfältigen Charaktere liebevoll, dosiert Nähe und Distanz mit Fingerspitzengefühl, so daß der Roman nicht zu einer Schnulze verkümmert, sondern den Leser mitleiden und mithoffen läßt. Bis zur letzten Seite entwickeln die Charaktere sich mit einer Lebendigkeit und Intensität, daß man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Es gibt kein Happy End. Der Schluß ist realistisch: Die Wahrheit hat die Betroffenen verändert.

Joanna Trollope hat sich mit „Bruder und Schwester“ an den klassischen Adoptivkinder-Topos gewagt: Wer sind meine biologischen Eltern und was bedeutet dieses Wissen für die Familienrelationen?

Die Quizfrage der Adoptierten: "Wer bin ich"?

Mit diesem Roman ist ihr wieder ein großer Wurf gelungen. Wer bin ich? Dieser Frage stellen sich David und Nathalie. Diese Frage treibt die meisten Menschen um. Sind Menschen Produkte ihrer genetischen Anlagen oder aber geprägt von ihrem sozialem Milieu?

Für David und Nathalie läßt sich die Frage leicht beantworten. Die Familienzusammenführung mit den Adoptiveltern hat ihnen andere Zukunftsperspektiven gegeben als sie sonst gehabt hätten.

Gleichzeitig räumt Joanna Trollope aber auch mit dem Adoptionsmythos auf: Sage niemals deinem Adoptivkind, daß es erwählt wurde. Es ist einfach dein Kind. Nicht mehr und nicht weniger.

Joanna Trollope: Bruder und Schwester. Übersetzt von Angelika Kaps. Bloomsbury 2005. Hardcover, 390 Seiten. Euro 22,00. Broschiert, Euro 10,50.

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